Gletscher in Sibirien

Aus Klimawandel
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Abb. 1: Topografische Karte Russlands, mit Schwerpunkt Sibirien

Die Gletscher und Eiskappen Sibiriens finden sich vor allem auf den arktischen Inseln Nowaja Semlja, Sewernaja Semlja und Franz-Josef-Land sowie in den Gebirgszügen auf dem Festland vom Ural bis Kamtschatka. Auf den Inseln beträgt die gesamte Eisbedeckung ca. 56 000 km2, dagegen nur etwa 3 500 km2 in den sibirischen Gebirgen.[1] Das Eisvolumen auf den drei wichtigsten Inselgruppen Nowaja Semlja, Sewernaja Semlja und Franz-Josef-Land wird auf 15 000 bis 18 000 km3 geschätzt.[2] Eine jüngere Schätzung des Eisvolumens auf der am stärksten vereisten Insel Nowaja Semlja beläuft sich auf 17778 km3 Eis.[3] Obwohl sich in der russichen Arktis 20 % der gesamtarktischen Gletscher (ohne Grönland) befinden, ist das Gebiet bisher nur wenig beachtet worden. Über das Verhalten der Gletscher in den letzten Jahrzehnten liegen daher nur spärliche, oft unterbrochene Untersuchungen vor, u.a. bedingt durch den Zusammenbruch der Sowjetunion. Die Satellitenbeobachtung hat die Situation in jüngster Zeit etwas verbessert.

1 Arktische Inseln

Abb. 2: Gletscher auf Novaja Semlja und Meereis am 30. Juli 2009

Die Gletscherfläche der arktischen Inseln Russlands reduzierte sich nach Einschätzung von UNEP und WGMS (United Nations Environment Programme und World Glacier Monitoring Service) über die letzten 50 Jahre im Mittel nur um etwa ein Prozent.[1] Eine jüngere Untersuchung über den Zeitraum 2003 bis 2009 konnte jedoch zeigen, dass die Gletscher auf Nowaja Semlja mit 7,1 Gigatonnen pro Jahr deutlich an Masse verloren haben. Auf Sewernaja Semlja und Franz-Josef-Land waren es nur 1,4 bzw. 0,6 Gigatonnen pro Jahr. Vom gesamten Eisverlust auf den arktischen Inseln entfielen 80 % auf Nowaja Semlja und nur 20 % auf Franz Josef Land und Sewernaja Semlja. Hintergrund waren Temperaturveränderungen im Sommer. So waren die Sommer auf der Insel Nowaja Semlja in den letzten Jahren besonders warm. Die Temperaturen lagen im Juni-August zwischen 2004 und 2009 um 0,5 °C über dem Mittel von 1980-2009. Auf Sewernaja Semlja und Franz-Josef-Land fiel die Erwärmung deutlich geringer aus. Über frühere Änderungen der Gletschermasse liegen keine Daten vor. Die meteorologischen Messungen von Temperatur und Niederschlag lassen jedoch vermuten, dass der Eisrückgang 1980-2004 ähnlich war wie 2004-2009.[2]

Die Ergebnisse zu Nowaja Semlja werden im wesentlichen bestätigt durch eine noch jüngere Studie aus dem Jahr 2014. Nach Satellitenmessungen betrugen hiernach[3] in den Jahren 2003 bis 2009 die Massenverluste der arktischen Gletscher in Russland 9-11 Gt/Jahr., wobei 80 % der Verluste auf Novaya Zemlya fielen. Zwischen 1992 und 2010 befanden sich 90 % der auf Nowaja Semlja untersuchten Gletscher auf dem Rückzug. Dabei war die Rückzugsrate der im Meer mündenden Gletscher mit ca. 50 m/Jahr etwa zehn Mal so groß wie die der Gletscher, die auf dem Land endeten. Besonders stark war mit ca. 62 m/Jahr der Gletscherrückzug an der Küste der Barentssee gegenüber 41 m /Jahr an der Karasee.

Der wesentliche Grund für diesen Unterschied ist die Verbreitung von Meereis, das z.B. auch an den Küsten Grönlands und der Antarktis die Abflussgeschwindigkeit der Auslassgletscher kontrolliert. Während die Fjorde der Barentssee bis zu sechs Monate im Jahr eisfrei sind, gibt es an der Küste der Karasee nur maximal drei eisfreie Monate im Jahr. Die Richtung Barentssee mündenden Gletscher können also über einen deutlich längeren Zeitraum frei ins Meer abfließen. Hintergrund für die unterschiedliche Meereisbedeckung sind die Meeresoberflächentemperaturen, die in der Barentssee höher sind als in der Karasee. Der Grund dafür ist der Einfluss der Nordatlantischen Oszillation (NAO), die in ihrer positiven Phase warmes nordatlantisches Wasser an die westlich ausgerichtete Küste der Barentssee treibt, während die nach Osten zeigende Karasee-Küste im Windschatten der NAO liegt.[3]

2 Festland

Auch die Gletscher auf dem nordsibirischen Festland sind in der zweiten Hälfte des 20. Jahhunderts geschrumpft, am stärksten die Gletscher im Ural. Trotz der geringen Erhebung gibt es im Ural nördlich des 63 °N eine Reihe von kleineren Gletschern. In den 1960er und 1970er Jahren wurden ihre Anzahl auf 143 und ihre Fläche auf 28,66 km2 geschätzt. Im Jahr 2000 hatte sich die Gesamtfläche um 22,3 % reduziert. Vor allem die größeren Gletscher zeigten deutliche Verluste. Einige kleinere Gletscher sind komplett verschwunden.[4]

Auf der Halbinsel Kamtschatka wurden zu Beginn des 21. Jahrhunderts 529 Gletscher gezählt. Der Teil von ihnen, der mit früher beobachteten Gletschern identifiziert werden konnte, verlor seit Mitte des vorigen Jahrhunderts 16,6 % seiner Fläche. Der Grund liegt wahrscheinlich im Anstieg der Temperatur und in der Abnahme des Schneefalls.[4]

3 Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 UNEP and WGMS. (2008): Global glacier changes: facts and figures. United Nations Environment Programme and World Glacier Monitoring Service.
  2. 2,0 2,1 Moholt, G., et al. (2012): Recent mass changes of glaciers in the Russian High Arctic, Geophysical Research Letters 39, doi:10.1029/2012GL051466
  3. 3,0 3,1 3,2 Carr, J.R., C. Stokes, A. Vieli (2014): Recent retreat of major outlet glaciers on Novaya Zemlya, Russian Arctic, influenced by fjord geometry and sea-ice conditions, Journal of Glaciology 60, doi: 10.3189/2014JoG13J122
  4. 4,0 4,1 Khromova, T., G. Nosenko, S. Kutuzov, A. Muraviev and L. Chernova (2014): Glacier area changes in Northern Eurasia, Environmental Research Letters 9, doi:10.1088/1748-9326/9/1/015003

4 Lizenzangaben

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