Wintertourismus

Aus Klimawandel
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Im Mittelpunkt des Wintertourismus steht das Skifahren, das auf sichere Schneeverhältnisse angewiesen ist. Aber auch andere vom Klima abhängige Faktoren spielen eine Rolle. So tragen die Alpengletscher erheblich zur Attraktivität der Landschaft bei, und ihr Abschmelzen würde einigen Wintersportgebieten viel von ihrem Reiz nehmen. Negativ könnten sich witterungsbedingte Katastrophen auf den Wintertourismus auswirken wie Lawinen oder Bergrutsche. Höhere Schneefallmengen in größeren Höhen könnten das eine und das Auftauen von Permafrost das andere bewirken.

1 Alpen

Veränderung der mittleren Jahrestemperatur in der Schweiz im Vergleich zur Nordhalbkugel 1900 bis 2004

1.1 Klimaänderungen

Der Rückzug der Gletscher und eine Abnahme der Schneedecke in räumlicher und zeitlicher Ausdehnung sind die sichtbarsten Zeichen des Klimawandels in den Alpen. Ursache dafür ist eine Erwärmung, die deutlich über dem globalen Durchschnitt liegt. So stieg die mittlere Temperatur in der Schweiz im 20. Jahrhundert um 1,35 °C an und damit doppelt so stark wie im globalen Mittel. Von 1975 bis 2004 beschleunigte sich die Erwärmung auf 0,57 °C pro Jahrzehnt – gegenüber 0,19 °C global und 0,25 °C auf der Nordhalbkugel.[1] Grund für die stärkere Klimaänderung in den Alpen sind Rückkopplungseffekte durch den Rückgang der Schnee- und Eisflächen. Dadurch werden weniger Sonnenstrahlen reflektiert und mehr in Wärmestrahlen umgewandelt. Hinzu kommt die Lage der Alpen auf relativ hoher nördlicher Breite und in gewisser Küstenferne. Für diese Gebiete wird von den Klimamodellen im allgemeinen eine höhere Erwärmung prognostiziert als für niedere Breiten und ozeanisch bestimmte Gebiete.

Weniger deutlich sind die Trends bei den Niederschlägen, die zwar starke jährliche Schwankungen, aber keine Zu- oder Abnahme im 20. Jahrhundert zeigen. Allerdings haben sich jahreszeitliche und regionale Änderungen ergeben. Besonders in den nördlichen und westlichen Landesteilen der Schweizer Alpen haben die Winterniederschläge zugenommen. In den südlichen und östlichen Alpen haben die herbstlichen Niederschläge abgenommen.[2] Im Herbst und Winter ist auch ein Trend zu intensiveren Niederschlägen festzustellen. Vor allem aber hat sich die Form der Niederschläge verändert. In weniger hohen Lagen fallen immer mehr Niederschläge als Regen statt als Schnee. Als Folge haben die zeitliche Dauer und die Menge der Schneedecke deutlich abgenommen.

Mögliche Änderung der Anzahl der Schneetage pro Jahre nach dem A1B-Szenario für die Regionen Mittenwald (923 ü. NN) und Garmisch-Partenkirchen (700 m ü. NN)

Im 21. Jahrhundert wird mit einer weiteren erheblichen Erwärmung des Alpenraums gerechnet.[2] Nach Modellberechnungen mit dem regionalen Klimamodell REMO kann es zu einer mittleren Erwärmung zwischen 3 °C und 4,5 °C kommen. Die Menge der Jahresniederschläge ändert sich wenig, die jahreszeitlichen Unterschiede können sich allerdings weiter verstärken. Im Sommer können die Niederschläge um 30% abnehmen, im Winter um 5-10% zunehmen. Aufgrund der steigenden Temperaturen ergeben sich aber vor allem deutliche Abnahmen bei der Schneefallmenge und der Zahl der Schneetage. Die Nullgradgrenze kann in den Wintermonaten bis zum Ende des Jahrhunderts um ca. 650 m steigen. Das bedeutet für Regionen, die zwischen 1000 und 1500 m liegen, eine Abnahme der Schneefallmenge um bis zu 60%. Selbst über 2000 m kann die Schneefallmenge immer noch um 20-30% abnehmen. Der deutsche Wintersportort Garmisch-Partenkirchen, der 700 m über dem Meeresspiegel liegt, muss mit einer Abnahme der Schneetage (> 3 cm Schnee) im Jahr von heute 70-80 auf unter 20 rechnen.

1.2 Folgen für den Tourismus

Entwicklung der Anzahl schneesicherer Skigebiete in den Alpen bei einer Erwärmung von 1 °C, 2 °C und 4 °C. Angegeben sind die aktuelle Anzahl der Skigebiete insgesamt (dunkelblauer Balken; Anzahl der Skigebiete in Klammern) sowie der Anteil der schneesicheren Skigebiete und dessen Veränderung.

1.2.1 Schneesicherheit

Der kritischste Faktor für den Wintertourismus ist die Schneesicherheit. Ein Gebiet gilt in den Alpen als schneesicher, wenn an wenigstens 100 Tagen in jeweils 7-8 von 10 Jahren eine Schneedecke von wenigstens 30 cm liegt, und zwar möglichst in der Zeit zwischen dem 16. Dezember bis zum 15. April.[2][3] Nur dann ist die Auslastung der Skianlagen groß genug, um die erheblichen Aufwendungen für den Wintertourismus rentabel zu machen. Gegenwärtig liegt die untere Grenze der Schneesicherheit in den Alpen bei ca. 1200 m Höhe.

Bei einer Erwärmung um durchschnittlich 3 °C wird die Dauer der Schneedecke wahrscheinlich um einen Monat verkürzt. Die Schneesicherheit wird sich infolgedessen in den Zentralalpen um 300 m, in den Voralpen um 500 m nach oben verschieben.[3] Die Folgen sind für die einzelnen Wintersportgebiete unterschiedlich, mit Ausnahme der Gebiete über 2500 m jedoch erheblich. In der Schweiz werden die Orte mit Schneesicherheit von heute 84% auf 44% zurückgehen. In Italien gibt es heute schon erhebliche Probleme mit ausreichendem Schnee für die Wintersaison, da hier die Hälfte aller Wintersportorte unter 1300 m liegt. Auch Österreich wird stark vom Klimawandel betroffen sein, da hier die meisten Wintersportorte unterhalb von 2500 m liegen, manche bekannte Zentren wie Zell am See oder Kitzbühl sogar nur zwischen 600 und 900 m. Gebiete oberhalb von 2500 m müssen dagegen mit vermehrtem Schneefall rechnen, was die Lawinengefahr erhöht.

Im gesamten Alpenraum gelten heute 609 von 666 Skigebieten bzw. 90% als schneesicher. Bei einer Erwärmung um 1 °C sinkt die Zahl auf 500, bei +2 °C auf 404 und bei +4 °C auf 202, d.h. auf weniger als 30 Prozent.[4] Am meisten gefährdet sind die deutschen Skigebiete, wo schon eine Erwärmung um 1 °C eine Abnahme der Gebiete mit Schneesicherheit um 60% bewirken würde und es bei einer Erwärmung um 4 °C praktisch keine schneesicheren Gebiete mehr geben wird. Am geringsten wird der Rückgang in der Schweiz sein mit 10% bei +1 °C und 50% bei +4 °C.

1.2.2 Gletscher

Gletscher sind für viele Wintersportorte ein wichtiger Attraktivitätsfaktor. Außerdem werden heute einige Gletschergebiete für Aktivitäten wie Skifahren, Gletscherwanderungen oder Ice-Tubing genutzt.[5] Gegenwärtig nehmen in den Alpen etwa 5000 Gletscher eine Fläche von 2500 km2 ein. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts (zwischen 1850 und 2000) hat die Fläche der Alpengletscher um die Hälfte abgenommen. Besonders hoch ist der Verlust in den letzten 25 Jahren gewesen. Und außerordentlich stark hat sich die Gletscherschmelze im heißen Sommer 2003 ausgewirkt, was häufig als Zeichen zukünftiger Entwicklung gewertet wird. Bis 2050 werden nach gängigen Prognosen viele kleinere Gletscher ganz verschwinden und die größeren 30 Gletscher bis 70 % ihres Volumens verlieren. Bis zum Jahrhundertende schrumpft die Masse der alpinen Gletscher möglicherweise sogar um 95 Prozent.[2]

1.2.3 Permafrost

Wie das Jahr 2003 gezeigt hat, sind extrem heiße Sommer für das Abschmelzen von Eis besonders folgenreich. Mit einer Zunahme solcher Sommer ist aber in den nächsten Jahrzehnten zu rechnen. Das hat Folgen nicht nur für die Schnee- und Gletscherschmelze, sondern auch für den gefrorenen Boden. Durch das Auftauen von dauerhaft gefrorenem Boden (Permafrost) könnten wichtige Infrastrukturanlagen des Wintertourismus wie im Permafrost verankerten Masten von Skiliften, Bergbahnstationen etc. beschädigt werden. Auch Lawinenverbauungen können ins Rutschen geraten. Ähnlich könnten sich auch Bergstürze und Hangrutschungen auswirken, die darüber hinaus ganze Verkehrswege und Ansiedlungen verschütten können.

1.2.4 Wirtschaftliche Folgen

Die Veränderungen der natürlichen Grundlagen des Wintertourismus in den Alpen werden auch ökonomische und soziale Konsequenzen haben. Eine verkürzte Skisaison, vor allem in den Ferienzeiten um Weihnachten und Ostern, kann zur Folge haben, dass viele Menschen auf einen Skiurlaub verzichten und stattdessen z.B. auf Fernreisen ausweichen. Probleme in den Skigebieten wie Lawinen, beschädigte Verkehrswege oder Skianlagen können sich ähnlich auswirken. Eine Befragung von 1000 Wintersporttouristen in der Schweiz hat ergeben, dass ein großer Teil auf veränderte Bedingungen durch den Klimawandel reagieren würde. Bei einer Abfolge von fünf schneearmen Wintern würden ein Drittel weniger oft Ski fahren und die Hälfte auf schneesicherere Orte ausweichen.[3]

Auch wenn davon ganze Volkswirtschaften wie die der Schweiz oder Österreichs nicht grundlegend betroffen sein werden, sind die Konsequenzen für viele Ferienregionen elementar.[5] Hier beträgt der Anteil am BIP teilweise 80% und mehr. 10% der Alpengemeinden leben ausschließlich vom Tourismusgeschäft. Jedes Jahr besuchen über 100 Millionen Gäste den Alpenraum, die meisten davon im Sommer. Aber im Winter geben die Touristen mehr Geld aus, so dass die Wertschöpfung des Wintertourismus deutlich höher liegt. Davon profitieren nicht nur die Anbieter von Unterkünften und Betreiber von Skiliften, sondern auch eine Reihe weiterer Dienstleistungen wie der Verkauf und Verleih von Skiausrüstungen und anderen Wintersportartikeln sowie Restaurants. Bei einem Ausbleiben von Touristen würden hier unweigerlich gravierende Einnahmeeinbußen und Entlassungen drohen.

Schon heute wirken sich die verschlechterten Schneeverhältnisse in der zunehmenden Anschaffung teurer Beschneiungsanlagen für viele Tourismus-Unternehmen negativ aus.[3] In der Schweiz werden etwa 9%, in Österreich sogar 30% der Pistenflächen künstlich beschneit. Die Investitionskosten belaufen sich auf ca. eine Halbe Mill. Euro pro Anlage und die jährlichen Betriebskosten auf 30 000 Euro pro Kilometer Schnee. Solche Anlagen sind nicht nur teuer in Anschaffung und Betrieb, sie verbrauchen auch große Mengen an Energie und werden somit selbst zum Verursacher der Probleme, die sie begrenzen sollen. Außerdem sind sie ökologisch problematisch. Das in Schnee gebundene Wasser fällt im Frühjahr als Schmelzwasser an, das Überschwemmungen verstärken könnte. Hinzu kommt, dass die künstliche Schneeproduktion nur bei Minusgraden sinnvoll und damit für Wintersportgebiete, in denen die Temperaturen künftig in der Tourismussaison über dem Gefrierpunkt liegen, nicht anwendbar ist.

2 Einzelnachweise

  1. M. Rebetez and M. Reinhard (2007): Monthly air temperature trends in Switzerland 1901–2000´and 1975–2004, Theoretical and Applied Climatology
  2. 2,0 2,1 2,2 2,3 Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (2007): Klimawandel in den Alpen. Fakten – Folgen – Anpassung, S. 67
  3. 3,0 3,1 3,2 3,3 Annette Klein (2007): Klimawandel und Tourismus in der Europäischen Union. Folgen für den Wintersport- und Sommertourismus, Saarbrücken, S. 48
  4. OECD: Climate Change in the European Alps: Adapting Winter Tourism and Natural Hazards Management
  5. 5,0 5,1 OcCC (2007): Klimaänderung und die Schweiz 2050. Erwartete Auswirkungen auf Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft: Tourismus

3 Literatur


4 Klimadaten zum Thema

Schneebedeckung Alpen2100 RCP8.5.jpg

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Hier finden Sie eine: Anleitung zur Visualisierung der Daten mit Panoply.

5 Schülerarbeiten zum Thema

Schülerarbeiten zum Thema des Artikels aus dem Schulprojekt Klimawandel:

  • Klimawandel in den Alpen über die Folgen für den Skitourismus (Stadtteilschule Walddörfer, Hamburg)
  • Skifahren in den Alpen über die Auswirkungen des Klimawandels auf den Skitourismus in den Alpen (Gymnasium Grootmoor, Hamburg)


6 Lizenzhinweis

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