2-Grad-Ziel: Unterschied zwischen den Versionen

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== Was bedeutet das 2-Grad-Ziel? ==
 
== Was bedeutet das 2-Grad-Ziel? ==
  
Mit dem 2-Grad-Ziel ist eine Erwärmung der [[Globale Mitteltemperatur|globalen Mitteltemperatur]] über den vorindustriellen Wert hinaus gemeint (Abb. 1). Es geht also nicht darum, um wie viele Grad Celsius die Temperatur gegenüber heute noch zunehmen darf. Gegenwärtig liegt die globale Mitteltemperatur bereits um 1 °C über dem vorindustriellen Niveau. Die Trägheit des Klimasystems, d.h. vor allem die langsame [[Erwärmung des Ozeans|Reaktionszeit des Ozeans]], hat den Temperaturanstieg über 1 °C hinaus bisher verzögert. Bei Fortsetzung des gegenwärtigen Trends von 0,2 °C pro Jahrzehnt werden 1,5 °C im Zeitraum 2030-2052 erreicht. Auch bei einem totalen Stopp der aktuellen Emissionen wird die bisherige Erwärmung Jahrhunderte bis Jahrtausende bestehen bleiben. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die bis heute erfolgten Emissionen in den nächsten zwei bis drei Jahrzehnten eine weitere Erwärmung von bis zu 0,5 °C verursachen könnten.<ref name="IPCC 2018">IPCC (2018): [http://report.ipcc.ch/sr15/pdf/sr15_spm_final.pdf Global Warming of 1.5°C: Summary for Policymakers]</ref>
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Mit dem 2-Grad-Ziel ist eine Erwärmung der [[Globale Mitteltemperatur|globalen Mitteltemperatur]] über den vorindustriellen Wert hinaus gemeint (Abb. 1). Es geht also nicht darum, um wie viele Grad Celsius die Temperatur gegenüber heute noch zunehmen darf. Gegenwärtig liegt die globale Mitteltemperatur bereits um 1 °C über dem vorindustriellen Niveau. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die bis heute erfolgten Emissionen in den nächsten zwei bis drei Jahrzehnten eine weitere Erwärmung von bis zu 0,5 °C verursachen könnten.<ref name="IPCC 2018">IPCC (2018): [http://report.ipcc.ch/sr15/pdf/sr15_spm_final.pdf Global Warming of 1.5°C: Summary for Policymakers]</ref> Die Trägheit des Klimasystems, d.h. vor allem die langsame [[Erwärmung des Ozeans|Reaktionszeit des Ozeans]], hat den Temperaturanstieg über 1 °C hinaus bisher verzögert. Bei Fortsetzung des gegenwärtigen Trends von 0,2 °C pro Jahrzehnt werden 1,5 °C im Zeitraum 2030-2052 erreicht. Auch bei einem totalen Stopp der [[Kohlendioxidemissionen|aktuellen Emissionen]] wird die bisherige Erwärmung über Jahrhunderte bis Jahrtausende bestehen bleiben.
  
 
== Kann die 2- bzw. 1,5-Grad-Grenze eingehalten werden? ==
 
== Kann die 2- bzw. 1,5-Grad-Grenze eingehalten werden? ==
Um die 2 °C Grenze nicht zu überschreiten, müssten die CO<sub>2</sub>-Emissionen bis 2030 um 25 % gegenüber 2010 abnehmen und um 2070 auf null sinken. Bei einer Begrenzung der Erwärmung bis 2100 auf 1,5 °C wäre eine Abnahme bis 2030 um 45 % erforderlich und Null-Emissionen um 2050.<ref name="IPCC dt 2019">IPCC, dt. Koordinierungsstelle (2019): [https://www.ipcc.ch/site/assets/uploads/2019/03/SR1.5-SPM_de_barrierefrei-2.pdf 1,5 °C Globale Erwärmung. Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger], dt. Übersetzung</ref> In beiden Fällen ist außerdem auch eine deutliche Minderung der Nicht-CO<sub>2</sub>-Emissionen (Methan, Lachgas, FCKW u.a.) nötig, deren Wirkung bis zum Ende des Jahrhunderts auf 0,15 °C geschätzt wird.<ref name="IPCC 2018" />  
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Um die 2 °C Grenze nicht zu überschreiten, müssten die [[Kohlendioxidemissionen|CO<sub>2</sub>-Emissionen]] bis 2030 um 25 % gegenüber 2010 abnehmen und um 2070 auf null sinken. Bei einer Begrenzung der Erwärmung bis 2100 auf 1,5 °C wäre eine Abnahme bis 2030 um 45 % erforderlich und Null-Emissionen um 2050.<ref name="IPCC dt 2019">IPCC, dt. Koordinierungsstelle (2019): [https://www.ipcc.ch/site/assets/uploads/2019/03/SR1.5-SPM_de_barrierefrei-2.pdf 1,5 °C Globale Erwärmung. Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger], dt. Übersetzung</ref> In beiden Fällen ist außerdem auch eine deutliche Minderung der Nicht-CO<sub>2</sub>-Emissionen (Methan, Lachgas, FCKW u.a.) nötig, deren Wirkung bis zum Ende des Jahrhunderts auf 0,15 °C geschätzt wird.<ref name="IPCC 2018" />  
 
[[Bild:CO2 emissions 1.5-2.0°C.png|thumb|520px|Abb. 3: CO2-Emissionen zur Einhaltung der 1.5- bzw. 2.0-Grad-Grenze bis 2100. Links sind die jährlichen CO2-Emissionen angegeben. Die dünnen Linien zeigen unterschiedliche Modellberechnungen, die dicken Linien Mittelwerte. Zur Einhaltung der Ziele von Paris sind in fast allen Fällen negative Emissionen notwendig.]]
 
[[Bild:CO2 emissions 1.5-2.0°C.png|thumb|520px|Abb. 3: CO2-Emissionen zur Einhaltung der 1.5- bzw. 2.0-Grad-Grenze bis 2100. Links sind die jährlichen CO2-Emissionen angegeben. Die dünnen Linien zeigen unterschiedliche Modellberechnungen, die dicken Linien Mittelwerte. Zur Einhaltung der Ziele von Paris sind in fast allen Fällen negative Emissionen notwendig.]]
  
Eine wichtige Frage in diesem Zusammenhang ist das Gesamtbudget an CO<sub>2</sub>-Emissionen, das zur Erreichung des 2,0/1,5 °C Ziels von heute an nicht überschritten werden darf. Also die Frage: Wie viele Milliarden Tonnen (Gt=Gigatonnen) Kohlendioxid kann durch menschliche Aktivitäten bis zu einem bestimmten Zeitpunkt noch emittiert werden, ohne die Grenze von 2,0 bzw. 1,5 °C bis zum Ende des 21. Jahrhunderts zu überschreiten.  Im Mittelpunkt stehen dabei die Emissionen durch Verbrennung fossiler Energieträger, weil sie mit Abstand den größten Anteil an allen Treibhausgasen besitzen und die stärkste Steigerung aufweisen. CO<sub>2</sub>-Emissionen durch Änderung der Bodenbedeckung (Abholzung von Wäldern etc.) und weitere Treibhausgase wie Methan und Distickstoffoxid spielen für die Temperatursteigerung in den nächsten Jahrzehnten jedoch ebenfalls eine Rolle und sollten deshalb nicht vernachlässigt werden.  Wegen der langen Verweilzeit von Kohlendioxid in der Atmosphäre müssen dabei auch die bisherigen kumulativen Emissionen seit Beginn der Industrialisierung berücksichtigt werden, die sich bereits auf 2200 Gt CO<sub>2</sub> belaufen.<ref name="IPCC dt 2019" />     
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Eine wichtige Frage in diesem Zusammenhang ist das Gesamtbudget an CO<sub>2</sub>-Emissionen, das zur Erreichung des 2,0/1,5 °C Ziels von heute an nicht überschritten werden darf. Also die Frage: Wie viele Milliarden Tonnen (Gt=Gigatonnen) Kohlendioxid kann durch menschliche Aktivitäten bis zu einem bestimmten Zeitpunkt noch emittiert werden, ohne die Grenze von 2,0 bzw. 1,5 °C bis zum Ende des 21. Jahrhunderts zu überschreiten.  Im Mittelpunkt stehen dabei die Emissionen durch Verbrennung fossiler Energieträger, weil sie mit Abstand den größten Anteil an allen Treibhausgasen besitzen und die stärkste Steigerung aufweisen. CO<sub>2</sub>-Emissionen durch Änderung der Bodenbedeckung (Abholzung von Wäldern etc.) und weitere Treibhausgase wie [[Methan]] und [[Lachgas|Distickstoffoxid]] spielen für die Temperatursteigerung in den nächsten Jahrzehnten jedoch ebenfalls eine Rolle und sollten deshalb nicht vernachlässigt werden.  Wegen der langen [[Treibhausgase#Anthropogene_Treibhausgase_.28Tabelle.29|Verweilzeit von Kohlendioxid]] in der Atmosphäre müssen dabei auch die bisherigen kumulativen Emissionen seit Beginn der Industrialisierung berücksichtigt werden, die sich bereits auf 2200 Gt CO<sub>2</sub> belaufen.<ref name="IPCC dt 2019" />     
  
 
Bei einer 50-prozentigen Wahrscheinlichkeit, die 1,5 °C Grenze nicht zu überschreiten, beläuft sich das noch verbleibende Budget nach dem IPCC-Bericht zur Einhaltung der 1,5-°C-Grenze<ref name="IPCC 2018" />  auf 580 Gt CO<sub>2</sub>, bei einer 66-prozentigen Wahrscheinlichkeit auf 420 Gt CO<sub>2</sub>. Diese Werte sind allerdings mit großen Unsicherheiten behaftet, die u.a. die Wirkung von nicht-CO<sub>2</sub>-Gasen wie vor allem Methan betreffen.  
 
Bei einer 50-prozentigen Wahrscheinlichkeit, die 1,5 °C Grenze nicht zu überschreiten, beläuft sich das noch verbleibende Budget nach dem IPCC-Bericht zur Einhaltung der 1,5-°C-Grenze<ref name="IPCC 2018" />  auf 580 Gt CO<sub>2</sub>, bei einer 66-prozentigen Wahrscheinlichkeit auf 420 Gt CO<sub>2</sub>. Diese Werte sind allerdings mit großen Unsicherheiten behaftet, die u.a. die Wirkung von nicht-CO<sub>2</sub>-Gasen wie vor allem Methan betreffen.  
  
Gegenwärtig steigen die CO<sub>2</sub>-Emissionen um ca. 42 Gt CO<sub>2</sub> jährlich.  Ändert sich daran nichts, wäre das verbleibende Budget bis 2030 aufgebraucht. Die Menschheit müsste schlagartig alle CO<sub>2</sub>-Emissionen stoppen, um eine Erwärmung von 1,5 °C nicht zu überschreiten. Da das undenkbar ist, müsste sofort mit einer radikalen Reduzierung der Emissionen auf nahezu die Hälfte in 10 Jahren begonnen werden. Nach Einschätzung des Wissenschaftlichen Beirats Globale Umweltveränderungen (WBGU) kann die Erderwärmung nur dann deutlich unter 2 °C begrenzt werden, wenn die globalen CO<sub>2</sub>-Emissionen „etwa im Jahr 2020 ihren Scheitelpunkt erreichen“.<ref name="WBGU 2018">WBGU (Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung) (2018): [https://www.wbgu.de/de/publikationen/publikation/zeit-gerechte-klimapolitik-vier-initiativen-fuer-fairness Zeitgerechte Klimapolitik: Vier Initiativen für Fairness], Politikpapier Nr. 9</ref>  Falls das nicht gelingt, und davon ist auszugehen, helfen nur noch sogenannte „negative Emissionen“. Darunter wird der nachträgliche Entzug  von Kohlendioxid  aus der Atmosphäre durch Maßnahmen wie Aufforstung, Kohlenstoffabscheidung und -speicherung oder Ozeandüngung verstanden. Diese Maßnahmen des Climate Engineering sind bis auf die Aufforstung technisch nicht ausgereift, und ihre Wirkung ist höchst umstritten.<ref name="Rickels 2019">Rickels, W., u.a. (2019): Welche Rolle spielen negative Emissionen für die zukünftige Klimapolitik?, in: Perspektiven der Wirtschaftspolitik, https://doi.org/10.1515/pwp-2018-0034</ref>  Klimamodellberechnungen kommen jedenfalls zu dem Ergebnis, dass anders die angestrebte Begrenzung der globalen Erwärmung nicht eingehalten werden kann (Abb. 3). Auch der IPCC geht in seinem Bericht von der Notwendigkeit aus, in der zweiten Jahrhunderthälfte negative Emissionen einzusetzen.
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Gegenwärtig steigen die CO<sub>2</sub>-Emissionen um ca. 42 Gt CO<sub>2</sub> jährlich.  Ändert sich daran nichts, wäre das verbleibende Budget bis 2030 aufgebraucht. Die Menschheit müsste schlagartig alle CO<sub>2</sub>-Emissionen stoppen, um eine Erwärmung von 1,5 °C nicht zu überschreiten. Da das undenkbar ist, müsste sofort mit einer radikalen Reduzierung der Emissionen auf nahezu die Hälfte in 10 Jahren begonnen werden. Nach Einschätzung des Wissenschaftlichen Beirats Globale Umweltveränderungen (WBGU) kann die Erderwärmung nur dann deutlich unter 2 °C begrenzt werden, wenn die globalen CO<sub>2</sub>-Emissionen „etwa im Jahr 2020 ihren Scheitelpunkt erreichen“.<ref name="WBGU 2018">WBGU (Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung) (2018): [https://www.wbgu.de/de/publikationen/publikation/zeit-gerechte-klimapolitik-vier-initiativen-fuer-fairness Zeitgerechte Klimapolitik: Vier Initiativen für Fairness], Politikpapier Nr. 9</ref>  Falls das nicht gelingt, und davon ist auszugehen, helfen nur noch sogenannte „negative Emissionen“. Darunter wird der nachträgliche Entzug  von Kohlendioxid  aus der Atmosphäre durch Maßnahmen wie Aufforstung, Kohlenstoffabscheidung und -speicherung oder Ozeandüngung verstanden. Diese Maßnahmen des [[Climate Engineering]] sind bis auf die [[Kohlendioxidentzug durch Aufforstung|Aufforstung]] technisch nicht ausgereift, und ihre Wirkung ist höchst umstritten.<ref name="Rickels 2019">Rickels, W., u.a. (2019): Welche Rolle spielen negative Emissionen für die zukünftige Klimapolitik?, in: Perspektiven der Wirtschaftspolitik, https://doi.org/10.1515/pwp-2018-0034</ref>  [[Klimamodelle|Klimamodellberechnungen]] kommen jedenfalls zu dem Ergebnis, dass anders die angestrebte Begrenzung der globalen Erwärmung nicht eingehalten werden kann (Abb. 3). Auch der Weltklimarat [[IPCC]] geht in seinem Bericht von der Notwendigkeit aus, in der zweiten Jahrhunderthälfte negative Emissionen einzusetzen.
  
 
Das Pariser Klimaschutzabkommen strebt zwar eine Begrenzung der globalen Erwärmung auf 1,5 °C an. Die Verpflichtungen, die die einzelnen Staaten auf freiwilliger Basis bisher eingegangen sind, laufen jedoch auf eine Erwärmung von 3,0 °C bis zum Ende der 21. Jahrhunderts hinaus. Geht man davon aus, dass nicht alle Staaten ihre eingegangenen Verpflichtungen auch einhalten und die USA aus dem Abkommen bereits ausgestiegen sind, dürfte der Wert noch höher liegen.  
 
Das Pariser Klimaschutzabkommen strebt zwar eine Begrenzung der globalen Erwärmung auf 1,5 °C an. Die Verpflichtungen, die die einzelnen Staaten auf freiwilliger Basis bisher eingegangen sind, laufen jedoch auf eine Erwärmung von 3,0 °C bis zum Ende der 21. Jahrhunderts hinaus. Geht man davon aus, dass nicht alle Staaten ihre eingegangenen Verpflichtungen auch einhalten und die USA aus dem Abkommen bereits ausgestiegen sind, dürfte der Wert noch höher liegen.  

Version vom 8. Juli 2019, 11:25 Uhr

Abb. 1: Temperaturveränderungen bis 2100 nach verschiedenen IPCC-Szenarien und das 2- bzw. 1,5-Grad-Ziel.

1 Das klimapolitische Ziel

In der Klimapolitik besteht ein weitreichender Konsens darüber, dass bei einer Begrenzung der globalen Erwärmung auf 2° C bzw. neuerdings auf 1,5 °C über dem vorindustriellen Wert eine gefährliche Störung des Klimasystems durch den Menschen gerade noch vermieden werden kann. Bei einer Überschreitung der 2(1,5)-Grad-Grenze würden die Folgen des Klimawandels nicht mehr kontrolliert werden können. Wetterextreme und andere Klimafolgen würden ein gefährliches und kaum zu bewältigendes Maß annehmen und die ökonomischen Kosten unvertretbar hoch ansteigen lassen.

Das sog. 2-Grad-Ziel geht als politische Zielformulierung auf einen Vorschlag der EU aus dem Jahre 1996 zurück, der 2005 wiederholt und später von zahlreichen internationalen Organisationen aufgegriffen wurde.[1] Eine wichtige Rolle bei der Begründung und Ausgestaltung des 2-Grad-Ziels spielte der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU).[2] 2009 wurde das Ziel im Abschlussdokument der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen aufgegriffen, blieb aber unverbindlich. Auf der Weltklimakonferenz der Vereinten Nationen vom 30. November bis 12. Dezember 2015 in Paris wurde ein Nachfolgevertrag für das Kyoto-Protokoll von 1997 mit verbindlichen Klimazielen für alle 195 Mitgliedsstaaten der UN-Klimarahmenkonvention vereinbart. Als Ziel wurde festgeschrieben, die globale Erwärmung auf deutlich unter 2 °C, idealerweise sogar auf 1,5 °C über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Auf diese Weise sollen gefährliche Folgen für die menschliche Gesellschaft und natürliche Ökosysteme abgewendet werden.[3]

Das Pariser Abkommen gilt für alle Staaten, nicht nur wie das Kyoto-Protokoll für nur einige Industriestaaten. Fast alle Staaten der Erde haben im Rahmen des Abkommens nationale Klimaschutzziele definiert, die sie allerdings selbst bestimmt haben. Ärmeren Staaten soll durch Wissens- und Tehnologietransfer bei der Umsetzung geholfen werden. Alle fünf Jahre sollen neue, jeweils anspruchsvollere Ziele vorgelegt werden. Damit wurde auf die veränderte Situation seit dem Kyoto-Protokoll reagiert, das heute nur noch 15 % der weltweiten Emissionen abdeckt. Verursachten damals die Industrieländer noch über die Hälfte der Emissionen, sind es heute nur noch ein Drittel.[4]

Abb. 2: Nach Daten der NASA liegt die aktuelle Temperatur 1 °C über dem vorindustriellen (hier 1880-1909) Wert.

2 Was bedeutet das 2-Grad-Ziel?

Mit dem 2-Grad-Ziel ist eine Erwärmung der globalen Mitteltemperatur über den vorindustriellen Wert hinaus gemeint (Abb. 1). Es geht also nicht darum, um wie viele Grad Celsius die Temperatur gegenüber heute noch zunehmen darf. Gegenwärtig liegt die globale Mitteltemperatur bereits um 1 °C über dem vorindustriellen Niveau. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die bis heute erfolgten Emissionen in den nächsten zwei bis drei Jahrzehnten eine weitere Erwärmung von bis zu 0,5 °C verursachen könnten.[5] Die Trägheit des Klimasystems, d.h. vor allem die langsame Reaktionszeit des Ozeans, hat den Temperaturanstieg über 1 °C hinaus bisher verzögert. Bei Fortsetzung des gegenwärtigen Trends von 0,2 °C pro Jahrzehnt werden 1,5 °C im Zeitraum 2030-2052 erreicht. Auch bei einem totalen Stopp der aktuellen Emissionen wird die bisherige Erwärmung über Jahrhunderte bis Jahrtausende bestehen bleiben.

3 Kann die 2- bzw. 1,5-Grad-Grenze eingehalten werden?

Um die 2 °C Grenze nicht zu überschreiten, müssten die CO2-Emissionen bis 2030 um 25 % gegenüber 2010 abnehmen und um 2070 auf null sinken. Bei einer Begrenzung der Erwärmung bis 2100 auf 1,5 °C wäre eine Abnahme bis 2030 um 45 % erforderlich und Null-Emissionen um 2050.[6] In beiden Fällen ist außerdem auch eine deutliche Minderung der Nicht-CO2-Emissionen (Methan, Lachgas, FCKW u.a.) nötig, deren Wirkung bis zum Ende des Jahrhunderts auf 0,15 °C geschätzt wird.[5]

Abb. 3: CO2-Emissionen zur Einhaltung der 1.5- bzw. 2.0-Grad-Grenze bis 2100. Links sind die jährlichen CO2-Emissionen angegeben. Die dünnen Linien zeigen unterschiedliche Modellberechnungen, die dicken Linien Mittelwerte. Zur Einhaltung der Ziele von Paris sind in fast allen Fällen negative Emissionen notwendig.

Eine wichtige Frage in diesem Zusammenhang ist das Gesamtbudget an CO2-Emissionen, das zur Erreichung des 2,0/1,5 °C Ziels von heute an nicht überschritten werden darf. Also die Frage: Wie viele Milliarden Tonnen (Gt=Gigatonnen) Kohlendioxid kann durch menschliche Aktivitäten bis zu einem bestimmten Zeitpunkt noch emittiert werden, ohne die Grenze von 2,0 bzw. 1,5 °C bis zum Ende des 21. Jahrhunderts zu überschreiten. Im Mittelpunkt stehen dabei die Emissionen durch Verbrennung fossiler Energieträger, weil sie mit Abstand den größten Anteil an allen Treibhausgasen besitzen und die stärkste Steigerung aufweisen. CO2-Emissionen durch Änderung der Bodenbedeckung (Abholzung von Wäldern etc.) und weitere Treibhausgase wie Methan und Distickstoffoxid spielen für die Temperatursteigerung in den nächsten Jahrzehnten jedoch ebenfalls eine Rolle und sollten deshalb nicht vernachlässigt werden. Wegen der langen Verweilzeit von Kohlendioxid in der Atmosphäre müssen dabei auch die bisherigen kumulativen Emissionen seit Beginn der Industrialisierung berücksichtigt werden, die sich bereits auf 2200 Gt CO2 belaufen.[6]

Bei einer 50-prozentigen Wahrscheinlichkeit, die 1,5 °C Grenze nicht zu überschreiten, beläuft sich das noch verbleibende Budget nach dem IPCC-Bericht zur Einhaltung der 1,5-°C-Grenze[5] auf 580 Gt CO2, bei einer 66-prozentigen Wahrscheinlichkeit auf 420 Gt CO2. Diese Werte sind allerdings mit großen Unsicherheiten behaftet, die u.a. die Wirkung von nicht-CO2-Gasen wie vor allem Methan betreffen.

Gegenwärtig steigen die CO2-Emissionen um ca. 42 Gt CO2 jährlich. Ändert sich daran nichts, wäre das verbleibende Budget bis 2030 aufgebraucht. Die Menschheit müsste schlagartig alle CO2-Emissionen stoppen, um eine Erwärmung von 1,5 °C nicht zu überschreiten. Da das undenkbar ist, müsste sofort mit einer radikalen Reduzierung der Emissionen auf nahezu die Hälfte in 10 Jahren begonnen werden. Nach Einschätzung des Wissenschaftlichen Beirats Globale Umweltveränderungen (WBGU) kann die Erderwärmung nur dann deutlich unter 2 °C begrenzt werden, wenn die globalen CO2-Emissionen „etwa im Jahr 2020 ihren Scheitelpunkt erreichen“.[7] Falls das nicht gelingt, und davon ist auszugehen, helfen nur noch sogenannte „negative Emissionen“. Darunter wird der nachträgliche Entzug von Kohlendioxid aus der Atmosphäre durch Maßnahmen wie Aufforstung, Kohlenstoffabscheidung und -speicherung oder Ozeandüngung verstanden. Diese Maßnahmen des Climate Engineering sind bis auf die Aufforstung technisch nicht ausgereift, und ihre Wirkung ist höchst umstritten.[8] Klimamodellberechnungen kommen jedenfalls zu dem Ergebnis, dass anders die angestrebte Begrenzung der globalen Erwärmung nicht eingehalten werden kann (Abb. 3). Auch der Weltklimarat IPCC geht in seinem Bericht von der Notwendigkeit aus, in der zweiten Jahrhunderthälfte negative Emissionen einzusetzen.

Das Pariser Klimaschutzabkommen strebt zwar eine Begrenzung der globalen Erwärmung auf 1,5 °C an. Die Verpflichtungen, die die einzelnen Staaten auf freiwilliger Basis bisher eingegangen sind, laufen jedoch auf eine Erwärmung von 3,0 °C bis zum Ende der 21. Jahrhunderts hinaus. Geht man davon aus, dass nicht alle Staaten ihre eingegangenen Verpflichtungen auch einhalten und die USA aus dem Abkommen bereits ausgestiegen sind, dürfte der Wert noch höher liegen.

4 Welche Klimaentwicklung ist zu erwarten?

Dass die globale Erwärmung in diesem Jahrhundert unter der 2-Grad-Marke bleibt, ist angesichts der gegenwärtigen globalen Klimapolitik höchst unwahrscheinlich. Es ist eher davon auszugehen, dass diese Grenze schon in nächster Zukunft überschritten wird. Hinzu kommt, dass niemand mit Sicherheit sagen kann, ob ein gefährlicher Klimawandel tatsächlich bei einer globalen Erwärmung von 2 °C vermieden werden kann. Das ist nicht zuletzt deswegen zu bezweifeln, weil eine globale Erwärmung um 2 Grad ja nicht bedeutet, dass diese Grenze überall auf der Erde eingehalten wird. Die Temperaturen über den Ozeanen, wo so gut wie keine Menschen leben, werden sich wahrscheinlich deutlich weniger erhöhen, die über den Kontinenten mit ihren dichten Siedlungsgebieten werden die 2-Grad-Grenze in weiten Teilen z.T. kräftig überschreiten.[9]

Legt man bisherige Modellrechnungen auf der Grundlage der IPCC-Szenarien zugrunde, wird die 2-Grad-Grenze bei den Szenarien A1B und A2 bereits um 2050 überschritten, bei dem niedrigen B1 Szenario erst danach. Regional werden bei dem Szenario A1B weite Teile Nordasiens und der Nordosten Europas die 2-Grad-Grenze bereits zwischen 2020 und 2030 überschreiten, das restliche Asien und fast ganz Europa etwa ein Jahrzehnt später. Wenn bei dem Szenario A1B eine Zunahme der globalen Mitteltemperatur von 2 °C erreicht wird, also um die Mitte des Jahrhunderts, wird die Durchschnittstemperatur der nördlichen Hälfte Eurasiens um fast 3 °C über dem vorindustriellen Wert liegen.[9]

5 Einzelnachweise

  1. Randalls, S. (2010): History of the 2◦C climate target, WIREs Climate Change1, 598-605
  2. WBGU (2009): Kassensturz für den Weltklimavertrag – Der Budgetansatz, Sondergutachten 2009, Berlin, 2009
  3. Text des Vertrages der Pariser Klimakonferenz (engl.)
  4. Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (2017): Die Klimakonferenz von Paris
  5. 5,0 5,1 5,2 IPCC (2018): Global Warming of 1.5°C: Summary for Policymakers
  6. 6,0 6,1 IPCC, dt. Koordinierungsstelle (2019): 1,5 °C Globale Erwärmung. Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger, dt. Übersetzung
  7. WBGU (Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung) (2018): Zeitgerechte Klimapolitik: Vier Initiativen für Fairness, Politikpapier Nr. 9
  8. Rickels, W., u.a. (2019): Welche Rolle spielen negative Emissionen für die zukünftige Klimapolitik?, in: Perspektiven der Wirtschaftspolitik, https://doi.org/10.1515/pwp-2018-0034
  9. 9,0 9,1 Joshi, M. et al. (2011): Projections of when temperature change will exceed 2 °C above pre-industrial levels, Nature Climate Change 1, 407-412

6 Weblinks

7 Lizenzhinweis

Dieser Artikel ist ein Originalartikel des Klima-Wiki und steht unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland. Informationen zum Lizenzstatus eingebundener Mediendateien (etwa Bilder oder Videos) können in einigen Fällen durch Anklicken dieser Mediendateien abgerufen werden und sind andernfalls über Dieter Kasang zu erfragen. CC-by-sa.png
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